Crying Eyes

Mit Augen und Ohren nehmen wir auch die mediale Welt in uns auf. Die beiden Organe geben kaum Reaktionen nach außen, sie sind stumm. In meinem Klangobjekt „Crying Eyes“ schreien* die Augen lautstark, empört, verzweifelt, weil sie nicht mehr stumm ertragen können, was sie sehen müssen.

Die Aktualität meines Klangobjekts ist bestürzend.
httpss://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_andauernden_Kriege_und_bewaffneten_Konflikte


Crying Eyes
zweiteilige Holzskulptur, zwei Lautsprecher, zweikanalige Klangmontage, Speichermedien/Kabel/Audiotechnik

Befriedet
ortsbezogene Audioinstallation für den Außenraum der Mindener Festung ‘Fort C’, zwei Lautsprecher, zweikanalige Klangkomposition, Speichermedien/Kabel/Audiotechnik

Kunsträume ’95 Fort C, Minden, 1995 **


*M.G.

**Aus meiner Projektbeschreibung / 1995

„Der Besuch der „Preußen-Ausstellung“ ließ mich die Festungsanlage „Fort C“ der Stadt Minden erstmalig wahrnehmen und löste in mir widersprüchliche Gefühle aus.

Die eindrucksvolle Außenanlage, von üppigen Grün des Grases überwachsen, von Gebüsch und Bäumen umhüllt, wirkte auf mich friedlich, fast idyllisch – und „maximal“ getarnt, übriggeblieben und in seine militärische Vergangenheit weisend, denn der zeichenhaft gegliederte und eigenartig gestaltete Ort konnte seine frühere Bestimmung nicht verleugnen.

Die Gewölbe im Reduit, besonders in Untergeschoß, erschienen mir beklemmend. Die dicken Mauern mit den Nischen, den winzigen Öffnungen (Schießscharten) nach außen, die kühle feuchte Luft vermittelten mir einen Eindruck vom Verschanzen, Verbergen, Verstecken, Verteidigen, Angreifen, von Feind und Gefahr, und ließen mir die Festung zu einem bestürzend gegenwärtigen Erlebnis werden.

Die Vorstellung die Räume einfach als Ausstellungsräume auch für zeitgenössische Kunstwerke zu verwenden, fand ich zwar verständlich, denn es fehlen Ausstellungsräume, doch ebenso heikel, fast makaber, die Verteidigungsanlage quasi als aufgeladene Kulisse zu benutzen.

In meiner künstlerischen Arbeit setze ich seit ca. 15 Jahren visuelle und auditive Ereignisse zueinander in Beziehung. Meine beiden Bewerbungsbeiträge für die Ausstellung „Kunsträume ‘95 unter dem Leitbegriff „Festung“ knüpfen an meine persönlichen Wahrnehmungen in „Fort C“ an und thematisieren diese in zwei Klanginstallationen:

– der Audioinstallation „Befriedet“ für den Außenbereich und
– dem zweiteiligen Klangobjekt „Crying Eyes“ für das Reduit.

„Befriedet“

Analog zu der geheimnisvoll befriedeten Außenanlage des Forts stelle ich mir einen „geheimnisvoll befriedeten Klang“ vor. Eine schwebende, zarte Klangfläche, die sich in den Naturgeräuschen verliert, einen Klang bestehend aus den Tönen „F“ und „C“, in Bezug zum „Fort C“. [Notenbeispiel] [Notenbeispiel]

Das Spannungsfeld der beiden Tonlagen markiert die Wendebereiche der Heultöne von Sirenensignalen (im Frieden und im Verteidigungsfall). [Sirenenbeispiel]

Die Töne „F“ und „C“ stehen im Quartabstand zueinander. (Quartsprünge haben eine fanfarenhafte Anmutung, viele Jagdlieder und Märsche beginnen daher mit Quartsprüngen. Das Martinhorn der Polizei-, Unfall- und Feuerwehrwagen alarmiert uns in Quartsprüngen.) Der Signalcharakter der Quart ist [hier] durch den Zusammenklang verborgen.

Meine musikalische Deutung der Außenanlage des „Fort C“ weist auf seine veränderte Bestimmung hin. Das Tonmaterial zeigt auf den Ort und die Vergangenheit, der hörbare Klang unterstützt die friedliche Atmosphäre der Anlage.

Die Lautsprecher würden in zwei Schießschartenfenster so installieren, daß der Schall von innen nach außen geführt wird, die Festung selbst zu klingen scheint.

„Crying Eyes“

„…Crying Eyes“ wird ein zweiteiliges Klangobjekt. Aus altem vermoderten Holz werde ich nur grob die Mandelform von zwei Augen schlagen (c. 28 x 45 x 12 cm).

Sie sollen traurig, müde und morbide aussehen. Zwei Lautsprecher bilden die Pupillen der Augen. In recht kurzen Sequenzen (ca. 2 – 5 Sek.), auf die lange Phasen der Stille folgen (ca. 10 – 15 Min.) werden die Augen aufschreien.

Die Spannung zwischen den stumpf und matt blickenden Augen und den energisch-empörten Schreien stelle ich mir eindringlich vor.

In einer eher dunklen, verborgenen Nische im Untergeschoß des Reduits könnte das Klangobjekt seinen Platz finden und von der Verteidigungsanlage ausgehend auf umkämpfte Gebiete hindeuten…“